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11.12.2017

Gemeinde - Wunsch und/oder Wirklichkeit?

Gemeinde, Ortsgemeinde ist für mich zentral, konstitutionell. Überzeugt davon, dass andere Formen, Christsein zu leben, ebenso überzeugend sein können, ist in meinen Augen das Eingebundensein in eine Ortsgemeinde die Idealform. Da, wo sich Leben abspielt, sollte im Idealfall auch das persönliche Christsein zu Hause sein. Sonst ist es abgekoppelt, läuft Gefahr, sich zu entfremden. Gemeinde ist Austausch, Weiterentwicklung, aus und mit den Erfahrungen anderer Lernen. Gemeinde ist gegenseitige Hilfestellung. Gemeinde bedeutet Unterstützung im Kontakt mit Gott. Das alles geht alleine schlechter.

Gemeinde ist für mich der Ort, in dem ein "Mehr an Leben", eine - im positiven Sinne - "Alternativgesellschaft" gelebt werden kann. Gemeinde ist der Ort, in dem ich nicht gemessen werde an Leistung, Materiellem, ..., in dem ich sein kann, wie ich bin, wo echte Geschwisterlichkeit gelebt wird, wo sich Visionen einer besseren Welt entwickeln können. Irreale Spinnerei? Nein. Für mich ist es das Spezifikum christlicher Gemeinde. Einen Hauch davon, eine Ahnung können wir er-leben. Und genau dies unterscheidet Gemeinde vom Sportclub, vom Heimatverein, vom Gesangverein.

Gerne würde ich mehr Gemeinde leben. Hier bricht sich aber die Wunschvorstellung an der Realität.

Gemeinde muss und darf plural sein, vielfältig, widersprüchlich, inhomogen. Aber das gemeinsame Streben nach dem "Mehr im Leben", das Miteinander, die geschwisterliche Liebe müssen spürbar sein. Hierzu gehört unverzichtbar die Akzeptanz des anderen. Das spüre ich zu wenig.

Wo ist der Gemeinsinn, der Wille, miteinander Leben zu gestalten, einander Mut zuzusprechen, ... Wo ist der Glaube, der Berge versetzen lässt? Wo ist die Liebe, die als Grundprinzip alles durchdringt? Wo ist die Gleichheit, die alle zu verwirklichen trachten?

Ich vermisse die Freiheit der Kinder Gottes, die uns so stark machen könnte. Wir leben sie nicht, sondern nehmen sie uns eher. Es wird zuviel über die Menschen verfügt, entschieden, die Freiheit eingeengt, anstatt die Menschen mit Mut auszustatten. Warum sprechen wir uns nicht gegenseitig unsere Stärken und Charismen zu?

Gemeinde ist zu standardisiert. An Überkommenen wird intensiv festgehalten. Ich erlebe wenig Flexibität, keinen Erneuerungsdrang, kaum Fragen, was wir brauchen und wie wir das erreichen können. Im Mittelpunkt steht eher die Frage: Wir schaffen wir es, Regeln nicht zu verletzen, ein vorgefertigtes Korsett nicht zu sprengen, schon sinnentleerte Traditionen beizubehalten.

Claus Schreiner