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11.12.2017

Kreuzestod - Sühnetod - Opfertod - Rechtfertigung - Erlösung

Einige spontane Gedanken dazu, entstanden nach einer Gertrud von Helfta - Tagung, als Anregung zum Weiterdenken gedacht.

von Frithjof Ringler

I. Für das Christentum war der Kreuzestod Jesu von Anfang an ein Problem, das nach einer Deutung verlangte. Schon im neuen Testament finden sich Lösungsansätze, die keineswegs einheitlich sind. Weitere unterschiedliche Lösungsmodelle entstanden bis heute. In unserer Zeit sind jedoch die traditionellen Deutungsmuster unserer christlichen Kirchen höchst fragwürdig geworden. Vorstellungen wie "Opfertod" oder "Sühnetod für unsere Sünden" sind für viele unverständlich oder gar schwer erträglich geworden. Denn es verbindet sich damit die Frage nach dem Gottesbild, z.B.: Was ist das für ein Gott, der seinen (unschuldigen) Sohn für die Vergehen anderer ans Messer liefert, damit er sich selbst in seiner Gerechtigkeits-vorstellung zufrieden stellen kann. Und: Ist das der Gott, von dem Jesus kündet? Weiterhin ist das Sünden- und Schuldempfinden heute ein anderes als in früheren Zeiten und weit weg von dem des Spätmittelalters, das die (gemeinsame) Denkvoraussetzung der heute noch gültigen theologischen Antworten der katholischen und evangelischen Kirche ist.

Vielleicht kann ein Blick zurück weiterhelfen.

II. Kreuz und Rechtfertigung bzw. Erlösung - Lösungsversuche

1. In der Ostkirche
Die Inkarnation ist das eigentliche Erlösungsgeschehen. Gott neigt sich dem Menschen zu. Dies ist das große erlösende Wunder der göttlichen Gnade. Das Kreuz erscheint daher überstrahlt vom Goldglanz des göttlichen Sieges über Hölle und Tod.

2. In der Westkirche
2.1 Im Früh- und Hochmittelalter

Der Gedanke der Gerechtigkeit spielt eine wesentliche Rolle. Der Kreuzestod wird daher als Ausgleich/Sühne für die durch Schuld ins verderbliche und tödliche Ungleichgewicht geratene Weltordnung gedeutet; durch ihn stellt Gott die von und in ihm garantierte Ordnung wieder her. In der Vorstellung und den Darstellungen dieser Zeit wird der Sieg des göttlichen Königs am Kreuz über Sünde, Tod und die höllischen Mächte gefeiert.

2.2 Im Spätmittelalter
Der Gerechtigkeitsgedanke wird verschärft durch ein Gottesbild, das ihn als strengen Richter vorstellt, und eine daraus resultierende grassierende Sündenangst. Diese führt zu der qualvollen Frage: "Wie kriege ich (armer, die Hölle verdienender Sünder) einen gnädigen Gott?" Zeitgleich werden Marter und menschliches Leiden und Sterben Jesu meditiert.

Zwei Wege der Lösung werden beschritten:

a) Leiden und Tod Christi am Kreuz bringen zwar grundsätzlich Erlösung von Sünde und Schuld. Unklar bleibt aber weiter, ob das ausreicht, um mich angesichts meiner Schuld vor den Höllenstrafen zu schützen, da nur wenige dem Zorn Gottes entgehen und gerettet werden.

Zudem bleiben, selbst wenn ich durch das Blut Christi Verzeihung meiner Sünden erlange, noch die Sündenstrafen. Frage: Wie kann ich die Sündenstrafen mindern oder besser, sie ganz vermeiden? Ablass, gute Werke, Stiftungen, (zuweilen extreme) Bußübungen und andere Verdienste sollten hier helfen. Der spätmittelalterliche Mensch aber hatte weiter Angst (s. die Vita M. Luthers).

b. Eine große Befreiung brachte (unter den gleichen Prämissen) die Entdeckung M.Luthers: Gottes Gerechtigkeit ist ganz anders; nicht wir müssen uns vor Gott gerecht machen, sondern Gott selbst macht uns gerecht, er erlöst uns ganz und umfassend durch das Leiden und den Kreuzestod seines Sohnes. "Für uns gestorben!" Dadurch werden wir, wenn wir dies im Glauben annehmen, gerechtfertigt; es braucht keine weitere Leistung unsererseits als das Vertrauen in Gottes Rechtfertigung. So steht das Kreuz im absoluten Mittelpunkt des Erlösungsgeschehens.

3. Überraschenderweise taucht um 1300 bei Gertrud von Helfta eine Lösung auf, die keineswegs auf den mittelalterlichen - und uns verloren gegangenen! - Prämissen der traditionellen katholischen und evangelischen Lösungen beruht. Sie kann uns daher vielleicht weiterhelfen, zumal unser Gottesbild sich inhaltlich (bei sprachlichen Unterschieden) dem Gertruds annähert.

Gertrud von Helfta, eine der großen Mystikerinnen, hatte Gott unmittelbar und ganz anders erfahren: nicht als strafenden, Sühne verlangenden Gott, sondern als reine, unbegreifliche Liebe, so sehr, dass Gott und Liebe in "Gottliebe" (amor deus) zusammenfallen. Aus dieser Gotteserfahrung erkennt sie einen großen heilsgeschichtlichen Bogen, der die ganze Schöpfung überspannt. So sieht Gott in allem Uranfang seine Menschwerdung in Jesus Christus vor, um den Menschen aus seiner Gottesferne und Todverfallenheit heimzuholen. Das grundlose Motiv Gottes ist sein Wesen selbst, d.h. seine unbegreifliche Liebe, die den Menschen sucht, ihn als Partner in einer Beziehung der Liebe will, und die sich deshalb in der Menschwerdung ("uns Menschen gleich") bis in den Kreuzestod hinein ausdrückt. Das Kreuz ist reiner Ausdruck der Liebe Gottes zum Menschen, nicht Sühne- oder Opfertod. ( Dies erinnert mich auch an den Hymnus in Phil.2,1ff, wo der Kontext von der Liebe der Christen zueinander spricht, die dem Vorbild Christus entsprechen soll.) "Für mich gestorben" erhält hier einen ganz anderen Sinn!

Der Mensch, der sich in all seiner Bruchstückhaftigkeit von Gott finden lässt und dieser Liebe zu antworten sucht, wird aufgehoben in der Liebe Gottes. Was kann ihm da noch passieren? (vgl. Röm.8,31f)

Im Jubilus Exerc.VI liest sich das so: "Preis und Heil soll Dir sagen die Bitternis Deines kostbaren Todes; ihn hat für mich dir zugefügt die starke Liebe. Und im Recht solcher Liebe lass ich mich nicht irre machen und nehme für mich in Anspruch von Dir, was auch immer mir mangelt an Verdiensten von mir (=meinerseits). Und ich setze kühn voraus und weiß, dass Du wahrlich für mich sorgst; denn Du bist der meine, und ich bin die Deine - so will es das dauerhaft gültige Recht des Eigenerwerbs."(zit. nach S.Ringler, G.v.Herfta, Ex.spir., 187)

 

Interpretationen des Kreuzestodes

Zusammenfassender Überblick:

Die Ostkirche stellt den Kreuzestod in den Strahlenkranz des Göttlichen und in das Licht der Auferstehung. Sie unterbelichtet daher den menschlichen Anteil (Leiden und Sterben).

Das Hochmittelalter sieht den Kreuzestod unter dem Aspekt des Rechtsgeschäfts: Sühnetod.

Das kath. Spätmittelalter verschärft diesen Gedanken durch seine Angst vor dem göttlichen Richter, wodurch die Frage hinzukommt, ob der Sühnetod Jesu auch für mich angesichts meiner Schuld ausreicht. (Die Unsicherheit bleibt bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts.)

Demgegenüber (über-)betont M. Luther den Kreuzestod als zentrale Erlösungstat; "durch sein Kreuz sind wir erlöst".

Gertrud bringt den Kreuzestod in einen großen heilsgeschichtlichen Zusammenhang, ohne seine menschliche Seite (Leiden und Sterben) zu verkleinern: Er ist ultimativer Ausdruck der Liebe Gottes und seiner Zuneigung (nach Gertrud Liebesbeziehung!) zum Menschen, die sich in der Schöpfung und seiner Menschwerdung bis zum Tod am Kreuz offenbart (`in allem uns gleich bis zum Tod am Kreuz´).