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"Tausch den Acker
gegen den Weg mit mir
in meiner Freiheit zu leben
folge mir nach"

Andreas Knapp

11.12.2017

Hier veröffentlichen wir Beiträge anderer AutorInnen, Hintergrundinfomationen, Links zu Aufsätzen o.ä., die in irgendeiner Weise mit den Schwerpunktthemen des Münnerstädter Kreises zu tun haben.

 

Die Würzburger Synode

von Karl Kardinal Lehman

Die Würzburger Synode entstand aus dem großen Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils. In der Bundesrepublik Deutschland bündelte sich die Idee im Spätherbst 1968. Der Katholikentag von Essen, der zu Beginn des Monats September 1968 stattfand, wirbelte viele Reformansätze und Erneuerungsbewegungen, aber auch Enttäuschungen und Protestaktionen auf, die sich besonders im Jahr 1968 anstauten. Es waren nicht nur innerkirchliche Vorgänge, die dazu führten. Auch die säkularen Ereignisse der Kriege in Biafra und Vietnam, der Einmarsch der Russen in die damalige Tschechoslowakei mit der Niederschlagung des "Prager Frühlings" und die Studentenrevolte in Paris sowie in anderen Weltstädten schufen ein neues Klima.

Idee einer "nationalen" Synode

Die innerkirchliche Situation wurde durch das Erscheinen der Enzyklika "Humanae vitae" mit dem Verbot der künstlichen Empfängnisregelung aufgeheizt. Es brodelte im deutschen Katholizismus. Die Christliche Arbeiter-Jugend (CAJ), der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken trieben die Idee einer "nationalen" Synode voran.

Vorwärtsdrängende Ideen gemeinsam klären

Rasch kam es zu einer Begegnung zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und diesen Kräften. Es folgten einige intensive Beratungswochen über die Jahreswende 1968/69. Im Februar 1969 hat die Deutsche Bischofskonferenz die Idee einer Gemeinsamen Synode bereits positiv aufgegriffen und ihre Einberufung angekündigt. Man war sich bei der Meinungsbildung in der Bischofskonferenz wohl bald einig, dass man ein wirkungsvolles Instrument braucht, um die vorwärtsdrängenden, oft widersprüchlichen und kritischen Ideen zu sammeln und möglichst gemeinsam zu klären.

Rückblick lohnt gerade im Jahr des Weltjugendtages

Es besteht kein Zweifel, dass viele Beschlüsse in den vergangenen 30 Jahren Geschichte gemacht haben: Das Bekenntnis der Synode "Unsere Hoffnung" ist heute noch ein oft zitierter Text. "Der Religionsunterricht in der Schule" hat nicht nur damals in den religionspädagogischen Diskussionen einen wichtigen Konsens formuliert, sondern ist auch heute noch wegweisend für viele Probleme. "Christlich gelebte Ehe" formuliert auch für uns heute noch die dringlichsten Aufgaben. "Die pastoralen Dienste in der Gemeinde" und die "Rahmenordnung für die pastoralen Strukturen und für die Leitung und Verwaltung der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland" haben nicht nur das Profil der neueren pastoralen Dienste und den Ort des priesterlichen Amtes markiert und die pastoralen Strukturen der Bistümer und Gemeinden nachhaltig geprägt, sondern bleiben trotz dieser Realisierung immer noch wegweisende Impulse, an denen das bisher Verwirklichte auch wiederum beurteilt werden kann. Zu den Beschlüssen, die auch heute noch einen guten Einfluss ausüben, gehört neben denjenigen über den Gottesdienst und die Sakramentenpastoral, die Orden und Geistlichen Gemeinschaften, die Ökumene und den Missionsauftrag sicher nicht zuletzt auch der Beschluss "Ziele und Aufgaben kirchlicher Jugendarbeit". Gerade in diesem Jahr, in dem wir den Weltjugendtag in Köln feiern werden, lohnt es umso mehr, auf die Wirkungsgeschichte in 30 Jahren zurückzublicken.

Texte auch heute erschlossen

Die Texte der Synode sind durch die einleitenden Kommentare und durch die Register auch für den heutigeniii Leser in einer gültigen Form erschlössen. Dennoch war schon früher offenkundig, dass man die Texte nicht isoliert sehen darf vom a "Ereignis" Synode. Manche haben vielleicht sogar die Mystifizierung dieses "Ereignisses" etwas zu sehrl vom Ringen um die Texte und auch von manchen harten Auseinandersetzungen gelöst und aus der so, etwas zu blumig gefärbten Synode» ihren Kirchentraum geschaffen. In der Tat war die Synode aber ein geistliches Ereignis, das gerade auch in der Mischung von Gottesdienst und Beratung tief von spirituellen Elementen mitgeprägt war. So war die Synode bei aller Aufnahme demokratischer Elemente auch mehr als ein kirchliches Parlament.

Synode als Lernprozess

Die Synode selbst erwies sich als ein wichtiger "Lernprozess" für die Synodalen und ihre Berater, weil sie inmitten vieler Polarisierungen in der Kirche neu lernen mussten und zu einem guten Teil auch gelernt haben, aufeinander zuzugehen, einander zuzuhören, miteinander um das Gemeinsame zu ringen und es auch in verbindlichen Formulierungen öffentlich zu bezeugen. Dieser Prozess ist für die Kirche immer wieder notwendig. Deswegen hat die Synode auch für einige Zeit neue Freude an der Kirche gebracht.

Der Geist der Synode lebt

Der Geist der Gemeinsamen Synode muss heute in einer anderen Zeit erneuert werden. Er ist jedoch nicht tot und lebt in vielen Varianten auf diözesaner Ebene: den Räten, den Pastoralen Foren, den Diözesansynoden, gerade auch in der Jugendverbandsarbeit mit ihren Strukturen. Gewiss erscheint manchen die nachsynodale Landschaft nicht mehr so geprägt von der Bereitschaft zum Dialog und zum Austragen bestehender Auseinandersetzungen. Sonst würde es nicht den Vorwurf der "Dialogverweigerung" und anderes geben. Trotz vieler Dialoge ist Müdigkeit aufgekommen. Die Kirchenerfahrung dieser Zeit ist schwieriger geworden, wie übrigens auch manches in der Gesellschaft. Aber die Erfahrung der Synode ist nicht einfach verschwunden. Packen wir es also weiter entschieden miteinander an, mit Geistesgegenwart und in einer Weggemeinschaft dieser Zeit. Dann bleiben wir auch auf den Spuren der Gemeinsamen Synode. Dann ist sie auch für uns heute noch längst nicht vergangen: Die Synode ist noch nicht abgegolten.

Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz in Meteorit, Zeitschrift von BDKJ und kja, Diözese Würzburg