Logo: Münnerstädter Kreis
11.12.2017

Wozu für mich Gemeinde?

1. Mir scheint, dass unsere abwehrend - kritische Haltung zur traditionellen Pfarrgemeinde von einer zu hohen Erwartungshaltung herrührt, die zwangsläufig zur Enttäuschung führt. Das internalisierte Idealbild der in der Apg. gezeichneten Urgemeinde im Herzen ("sie waren ein Herz und eine Seele") erwarten wir christliche Beheimatung unter Gleichgesinnten und Gleichhandelnden mit gleichen Interessen, religiösen und liturgischen Bedürfnissen etc. unter selbstverständlicher Achtung unserer sehr individuellen Akzentsetzungen. Das kann in einer plural strukurierten Großgemeinde nicht aufgehen und ging auch schon in den Anfängen nicht auf (s. die paulinischen Briefe). - Innere Kündigung als Ausweg, d.h. ich brauche sie nicht für meinen christlichen Weg? oder hat sie doch Wichtigkeit für mich?

2. Der Mensch ist nicht nur animal individuale, sondern grundsätzlich auch animal sociale. Wenn uns auch heute die Individualität über allem steht - wir sind von unserem Wesen her auf Gemeinschaft verwiesen und auf sie angewiesen. Dies gilt auch für unseren Glauben und unser Christsein. Trotz aller Frustrationen suchen wir nach wie vor im Innern die Gemeinschaft mit anderen, die den gleichen Weg zu gehen suchen. Vielleicht sind wir deswegen so bitter, wenn sie in der gegenwärtigen Kirche, in unserer Pfarrgemeinde nicht gelingt. Im übrigen ist dem Neuen Testament ein Heilsindividualismus fremd; es geht immer um eine von Gott gewirkte Gemeinschaft des Heils, in der wir für- und miteinander vor Gott treten und auch sonst füreinander verantwortlich sind.

3. Bei unseren Überlegungen möchte ich unterscheiden zwischen a) der traditionellen Ortsgemeinde und b) der Kleingemeinde, die sich punktuell bildet.

Zu a): Ortsgemeinde ist immer schon da, noch bevor ich dazukomme. Sie ist Kirche vor Ort, eine Konstante durch die Zeiten und Generationen hindurch. Sie gibt grundsätzlich, so ungenügend das im konkreten Fall sein mag, die Botschaft Jesu weiter, nimmt in der Taufe Menschen in die große Gemeinschaft der Heiligen auf und sucht in Predigt, Unterricht und Gottesdienst Menschen in christliche Lebensart einzuführen. Auch das regelmäßige gemeinsame Sich-Treffen zu der Feier des "Herrentags", die gemeinsame Mahlfeier ungeachtet aller individuellen Bedürfnisse und das Begehen des Kirchenjahres sind hier nicht unwichtig. - Wir unterschätzen oft das regelmäßige und ritualisierte Tun gegenüber dem spontanen Bedürfnis; hält es nicht einen Grundton im Schwingen, durch den die "spontanen" Obertöne sich spielerisch finden und harmonieren können? - Und immer wieder erlebt man in dieser vorgegebenen Gemeinde auch Menschen, die in ihrer konkreten Situation mir vorbildhaft "Christsein" vorleben. Ich stelle mir vor, diese Form von Gemeinde verschwindet ganz: fielen dann nicht grundsätzliche Erfahrungen weg, die für meine christliche Sozialisation sehr wichtig waren und sind? Würde dann nicht auch die Sache Jesu, die von den Dächern verkündet werden soll, (noch mehr) zur reinen Privatsache "im stillen Kämmerlein"? Verliefe sich das jetzt schon zerrinnende "christliche Erbe" nicht noch mehr in den Rinnsalen einer pluralen entchristlichten Gesellschaft? Und zehren nicht auch die kleinen christlichen Gemeinschaften von diesem konstanten Hintergrund?

Meine Frage: Wie weit lohnt es sich daher, in meinem eigenen Interesse und im Sinn der Sache Jesu, sich für diese Gemeinde einzusetzen und dort auch präsent zu sein?

Zu b): Die andere Form von Gemeinde Jesu ereignet sich immer wieder, "wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind". Sie lebt vom Wehen des Geistes, der entflammt, wo und wann er will; trotz aller Sehnsucht, diesen Geist festzuhalten, ist Dauer nicht garantiert. Diese spontan innerhalb oder neben den Ortsgemeinden sich bildenden Gemeinden erfüllen eher das Bedürfnis nach Stimmigkeit, Harmonie, Austausch und gegenseitiger Bestätigung für den eigenen Weg, nach einer angemessenen Form für meine christlichen Bedürfnisse etc. Jeder sucht solch eine "kuschelige" Gemeinde und ist enttäuscht, dass die Ortsgemeinde das nicht leistet. Man darf aber beide Gemeindeformen nicht gegeneinander setzen. Ich meine, die Erfahrung von solch erfüllender Gemeinschaft ist lebenswichtig für mein Christsein und hilft auch, die Großgemeinde, die nach wie vor wichtig ist, leichter auszuhalten. Beide sind aufeinander bezogen, beide Formen notwendig, damit christliches Leben lebendig bleibt, Kirche erfahrbar ist und (im kleinen Kreis) nicht exklusiv und sektiererisch wird.

4. Dessen ungeachtet: Es kann nicht so bleiben, wie es ist. Sind die traditionellen Ortskirchen schon dringend erneuerungbedürftig, so ist die gegenwärtig von den Bischöfen verordnete Umgestaltung zu Großgemeinden im höchsten Maß kontraproduktiv gegenüber den Bedürfnissen der Menschen und den Aufgaben einer christlichen Gemeinde. Um ein überholtes Priesterbild zu retten, schafft man in Überforderung der wenigen noch verbliebenen Priester institutionelle Großkörper, in denen sich niemand mehr zuhause fühlen kann. Kein Wunder, wenn auch die letzten Getreuen noch davonlaufen. Denn für eine heute mehr denn je gefragte persönliche Seelsorge in den sich ausdifferenzierenden Lebensräumen sind wohl kaum immer größere Pfarrgemeinden mit noch weniger Personal die Lösung, vielmehr müsste eine gegenteilige Entwicklung eingeleitet werden (,zumal auch der "Großkörper" angesichts schwindender Priesterzahlen nur ein Übergang ist).

Man muss sich Gedanken machen, was dem Auftrag Jesu entsprechend wirklich wichtig ist und mit welchen Mitteln das heute umgesetzt werden kann. Das Wiederholen alter Rezepte und die Heiligsprechung traditioneller Ämter bei gleichzeitiger Austrocknung der Gemeinden, wie das gegenwärtig geschieht, erwachsen aus dem Geist geist-loser kirchlicher Zustände! Vom Gottesgeist berufene Männer und Frauen sind zur Genüge da, nur weigert sich die institutionelle Kirche (- das "Volk Gottes" wäre schon weiter! -), sie so anzunehmen, wie der Geist sie beruft - Sünde wider den Heiligen Geist! (s. den Artikel von O. Fuchs unter "Nachrichten").

Zudem: Es gibt ein primäres Grundrecht der christlichen Gemeinde auf Eucharistiefeier "am ersten Wochentag"; wenn das verhindert wird durch institutionelle Vorschriften der Kirche (die dem eigentlich dienen sollte!), so ist sicher nicht das Grundrecht zu streichen, wie es gegenwärtig in der Kirche geschieht. Dieses primäre Recht gilt nicht nur für die Ortsgemeinden, vielmehr haben, wenn sich christliche Kleingemeinden/ Personalgemeinden/ Hausgemeinden zusammenfinden, auch diese das Recht, Eucharistie feiern zu können (s. Praxis der Urkirche). Darüberhinaus: Neue sakramentale Erfahrungsräume (Erfahrung der heilenden und erlösenden Nähe Gottes) sollten möglich werden, die Ortsgemeinde könnte dafür Rahmen und Motivation bieten. Was ist zu tun und zu verändern, dass dies möglich wird? Und dass auch die Ortsgemeinde wieder mehr ein christlicher Erfahrungsraum wird, eine "Stadt auf dem Berg" im weiten Flachland unserer Gesellschaft, eine Heimstadt für die Vielen... . Es gibt zuweilen solche Gemeinden!

Frithjof Ringler