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31.05.2020
06.05.06

Suche nach Geborgenheit ohne Gängelung

Kategorie:
Na Kirche im 21. Jahrhundert

von Reinhold Nöth

Neue Chance für die Seelsorge

Wie sieht die Zukunft der Kirche bzw. die Kirche der Zukunft aus? Welche Chancen hat die Seelsorge noch Menschen zu erreichen? Nur noch ca. 15 Prozent der Katholiken besuchen regelmäßig den Gottesdienst und nehmen am Gemeindeleben teil. Was ist mit der großen Mehrheit der Distanzierten und Fernstehenden?

Eine Studie der Universität Bamberg hat sich erstmals mit dieser "unbekannten Mehrheit" beschäftigt und ermutigende Ergebnisse zu Tage gefördert. Die Autoren Joachim Kügler und Johannes Först haben 30 Katholiken der Diözese Bamberg befragt, die der Kirche kritisch und distanziert gegenüberstehen, aber doch aus einem persönlichen Anlass (Taufe, Firmung, Hochzeit, Beerdigung etc.) eine kirchliche Feier gewählt haben. Sie warnen davor, diese große Mehrheit der Katholiken auszugrenzen und generell von einer Säkularisierung der Gesellschaft oder "Verdunstung des Glaubens" zu sprechen. Im Gegenteil, viele Menschen suchen ganz bewusst solche kirchliche Riten an bestimmten "Kasualien", d.h. an wichtigen Stationen ihres Lebens. Die kirchliche Feier der Taufe, der Hochzeit, der Beerdigung oder anderer wichtigen Ereignisse dient dabei nicht einfach der äußeren Verzierung des Festes, sondern schenkt den Menschen Lebenshilfe, Halt, Sinn oder Trost, sie gibt ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit, der Integration und Geborgenheit, Schutz und Segen. Viele Menschen suchen gerade heute diese Rituale, da sie nicht mehr wie früher in einem religiös geprägten Milieu leben.

Das Ergebnis dieser Studie ist ein Zeichen der Hoffnung und zugleich ein Appell an die Kirche: Diese "unbekannte Mehrheit" sind nicht einfach Kirchensteuer zahlende Karteileichen, die in die Gottlosigkeit entschwinden. Sie suchen nach Sinn und Halt, nach Tiefe und Geborgenheit in einer Gesellschaft, wo alles so oberflächlich, so beliebig und relativiert erscheint. Aber sie wollen sich auch nicht bevormunden und religiös gängeln lassen. Wenn die Kirche ihnen als "religiöser Dienstleister" entgegen kommt und ihre liturgischen und pastoralen Angebote auf die Bedürfnisse der Menschen abstimmt, eröffnet sich ein ganz neues missionarisches Potenzial für die Seelsorge. Die Diözese Bamberg, die die Studie mitfinanziert hat, hat sich bereits bei einer "Tagung der pastoralen Dienste" mit den Konsequenzen dieser Studie auseinandergesetzt.