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31.05.2020
18.01.07

Kirche unterwegs im 21. Jahrhundert

Kategorie:
Na Kirche im 21. Jahrhundert

von frithjof ringler

Sinusstudie und Folgerungen

Einige Gedanken und Eindrücke zum letzten Regionaltreffen

A. Wie erleben wir heute Kirche in einer Zeit rasanten Wandels?

Eindrücke:

1. Kirche steht in Gefahr, sich zu einer geschlossenen Gesellschaft zu entwickeln: Hier die Rechtgläubigen, dort die Welt. Die Sinusstudie bestätigt, dass nur noch wenige gesellschaftliche Milieus erreicht werden. In kirchlichen Kreisen geht die Versuchung um, dies zu akzeptieren und positiv als ein "Gesundschrumpfen" zu deuten. (Passt dieser Ausdruck aus der Wirtschaft zum Auftrag Jesu?)

2. Es scheint, dass die Kirche nach den Aufbrüchen des Konzils und deren Domestizierung durch die Institution heute ihre wesentlichen Kräfte in der Beschäftigung mit sich selbst bindet und in hausgemachten Problemen verbraucht. Auf die unterschiedlichen Anforderungen der Menschen in einer pluralen Gesellschaft antwortet sie mit traditionellen und nicht mehr nachvollziehbaren Lösungen (Sprachverlust).

3. Allgemein verbreitet ist unter aktiven Katholiken ein Leiden an der Kirche, wobei Kirche mit der Institution gleichgesetzt wird. Man fragt sich, wie man in dieser Kirche überleben kann.

4. Einerseits ist die hohe Resonanz auf Papstbesuche, Weltjugendtag u. ä. zu begrüßen, da sie Möglichkeiten zur Erfahrung der großen kirchlichen Weltgemeinschaft bieten und zu Glaubensermutigung beitragen können. Andererseits muss man prüfen, wieweit die damit verbundene Euphorie von Kirchenführern über einen Aufbruch im Glauben gerechtfertigt ist. - Merkt man heute noch positive Folgen in den Pfarreien? Man hat eher den Eindruck, dass bei den meisten Menschen das Event-Bedürfnis befriedigt wurde (man ist dabei gewesen!) und die erhoffte Nachhaltigkeit ausbleibt. Aber es ist immerhin auch schon viel, wenn es nett war und diese heute schon rare positive Erinnerung an Kirche bleibt.

5. `Die Kirche ist von gestern; sie beschäftigt sich mit Problemen, die heute niemanden mehr betreffen´. Dieser Eindruck liest sich wie ein Klischee, wird aber in und außerhalb der Kirche so empfunden. Die Menschen fühlen sich in einer sich rasant wandelnden Welt nicht mehr angesprochen und verstanden von einer Kirche, die mehr die Asche der Traditionen zu hüten scheint als das Feuer bewahrt. Wo bleibt im kath. "Alltagsgeschäft" der Herr, der von vorne auf uns zukommt und auf den wir zugehen sollten, unsere Sehnsucht nach ihm und dem Reich Gottes (Maranata!)? und unsere weite, alles sprengende Hoffnung auf Gottes neue Welt - mit den Implikationen für unser gegenwärtiges Verhalten? Wie müsste Kirche aussehen, die ihre ursprüngliche Zukunftsdimension wieder entdeckt?

 

B. Gegenüber Kirche als einer geschlossenen Gesellschaft (Bild: geschlossenes Gebäude) wurde nachgedacht, wie eine offene Kirche heute aussehen und leben müsste. Ein anregendes Modell: Kirche als Marktplatz mitten in der Stadt aller Menschen?!

1. Kirche sind dann die vielen mit unterschiedlichen Biographien und Glaubens- bzw. Nichtglaubenserfahrungen. Sie kommen und können wieder gehen; sie werden nicht vereinnahmt.

2. Kirche in konzentrischen Kreisen, die aber durchlässig und offen in jeder Hinsicht sind. In allen Kreisen, vom Kernkreis bis...ereignet sich Glaube und Kirche in ganz unterschiedlichen Formen.

3. Offenheit ist nicht Beliebigkeit: Das "Kerngeschäft", die Bindung an Jesus Christus und sein Wort und damit das christliche Sinn- und Lebensmodell (im Kern: Nachfolge in der Gottes- und Nächstenliebe) wird dadurch nicht verdünnt und verwaschen. Im Gegenteil: im voraussetzungslosen Dienst am Menschen wird es überzeugend. Wenn man für- und miteinander das tägliche Brot bricht, wird dieser Menschendienst durchsichtig auf das Geschehen mit dem Auferstandenen, das wir im Kult feiern: "Sie erkannten ihn am Brotbrechen". Und die Weisung Jesu: "tut dies zu meinem Gedächtnis" bleibt dann auch nicht kultisch eingegrenzt. Glaube und Leben fließen zusammen, sind Ausdruck christlicher Identität 24 Stunden am Tag.

4. "Taufe am Straßenrand" (Apg. 8;25f) als Modell?

Anfrage eines Gläubigen, wenig Gläubigen, (sehr) Zweifelnden, Ausgetretenen, Nichtgläubigen, in Schuld Geratenen,... Wie soll die Kirche darauf antworten? Erst Taufurkunde, Glaubenstreue etc. prüfen, Glaubensseminare, Eheseminare etc. vorschreiben ... oder den Anfragenden, so wie er ist, annehmen und ein Fest feiern (s. Gleichnis vom barmherzigen Vater)? Das Bedürfnis z.B. nach Segen bei Lebenseinschnitten, nach Begleitung, Ansprache und Aussprache an Lebensbrüchen haben heute Gläubige und Ungläubige. Sollte man einen, der um Segen bittet, abweisen (z. B. aus kirchenrechtlichen Gründen, wie es heute vielfach geschieht) oder ihm im Namen Jesu ohne weitere Nachprüfungen Gottes Segen zusprechen im Vertrauen auf Gottes Wirken? Und ihn dann wieder ziehen lassen?

5. Was haben wir wem anzubieten? Welcher Service wird vom Menschen heute erwartet, welcher nicht? Wie sieht im Nov.2006 in Deutschland in einer Gemeinde in Würzburg der Auftrag Jesu aus: `Gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker. Taufet sie im Namen...und lehret sie alles halten, was ich euch befohlen habe.´

(- Wie auch immer, tröstlich zu wissen: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!")

Ich verweise auf das Link für Dateidownload folgtSchaubild Link für Dateidownload folgt"Lebensweltstudien, Konsequenzen"; über diese Anregungen wollen wir mit Blick auf die Sinusstudie und unsere Kirche weiter nachdenken.