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31.05.2020
09.06.10

Pfarreiengemeinschaften - Ein kritischer Zwischenruf

Kategorie:
Nachrichten, Na Pfarrgemeinde - Gemeindezusammenlegungen

von frithjof ringler

 

Die Erfolgsmeldungen zur Bildung von Pfarreiengemeinschaften sind kaum verklungen, da meldet sich der deutlich weniger euphorische Alltag. Wie soll es weitergehen? Es ist an der Zeit, die Sache zu hinterfragen und einen Zwischenruf zu riskieren.

1. Soweit ich sehe, entspricht die Konstruktion einer Pfarreiengemeinschaft keineswegs den Bedürfnissen der Mitglieder der Pfarrgemeinden. Sie wurde durch die Kirchenleitung mit hehren Worten von oben aufgestülpt. Die führende Idee ist dabei die Kaschierung des Mangels an Klerikern, an Laientheologen (die man mehr ab- als anwarb - das Priesterbild sollte ja nicht verdunkelt werden! -) und an Finanzmitteln, die man für Immobilien etc. braucht. Die vorgegebene »Intensivierung der Seelsorge« in Maxipfarreien ist nach der personellen Ausdünnung und der räumlichen Aufblähung kaum mehr möglich und daher unrealistisch. Denn Maxistrukturen brauchen bekanntermaßen einen Maxiaufwand an Verwaltung, Organisation, langen Wegen etc.; was bleibt dann noch übrig für die persönliche Seelsorge von bis zu 10000 Mitchristen bei deutlich weniger Mitarbeitern? Wer soll das noch leisten können? Und was tut man denjenigen an, die Priester geworden sind, um Seelsorger zu sein?

2. Die Einführung von Pfarreiengemeinschaften ist Ausdruck einer klerikal fixierten, in dieser Hinsicht völlig reformunwilligen und -unfähigen Kirchenleitung, der die Beibehaltung traditioneller Strukturen und klerikaler Standesprivilegien wichtiger ist, als die Sache Jesu in gewandelten Verhältnissen den Menschen zugänglich zu machen. Was muss wem dienen? Die Werteordnung ist hier auf den Kopf gestellt. Was die Dienste in der Kirche anbetrifft, ließe die Bibel viele Lösungsmöglichkeiten und Veränderungen zu. Es gibt immer noch genügend Männer und Frauen, die den Ruf zum Dienst in sich spüren, aber durch kirchliche Regelungen gehindert werden, ihrer Berufung zu folgen. Der Mangel ist daher von der Kirchenleitung selbst verursacht und, da der Auftrag Jesu dadurch behindert und teilweise verunmöglicht wird, objektiv schuldhaft. Man muss sich fragen, ob man nicht auch selbst schuldig wird, wenn man dies hinnimmt und zulässt, ohne dem zu wehren, und dies sogar stützt, indem man mitspielt.

3. Diese Umgestaltung trifft in der gegenwärtigen Zeit auf Menschen, die in einer immer unübersichtlicher werdenden und sie stark fordernden Umwelt allen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen entsprechend gerade kleine Kreise suchen, die Ihnen Vertrautheit, Geborgenheit und Heimat geben. Gefragt ist auch mehr als früher das persönliche Gespräch in allen Lebensübergängen und -krisen - und diese häufen sich - also persönliche Seelsorge. Diese sollte  ja nach dem Vorbild Jesu und der Urkirche neben der Verkündigung der eigentliche Dienst der Kirche am Menschen sein - ein sakramentales Geschehen, das Grundlage für das Feiern der anderen Sakramente ist, wenn diese nicht ohne Bezug im Raum stehen sollen. Wollen wir als Kirche heute die Menschen erreichen, müssen wir nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht Großgemeinden anbieten - die gegenwärtigen Gemeinden vermitteln schon zu vielen nicht mehr dieses Heimatgefühl! -, sondern im Gegenteil kleinere Gemeinden bauen, die die unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen (s. Sinusstudie) ansprechen und ihnen Heimat ermöglichen. (Christliche Beheimatung ereignet sich vor allem dort, wo Menschen sich begegnen, sich wertschätzen, gemeinsame Werte suchen und leben, miteinander feiern und trauern und dies alles im gemeinsamen Herrenmahl ausdrücken - die Apg. beschreibt das mit: »Seht, wie sie einander lieben.«) Menschliches Heimat-, Gemeinschafts- und Geborgenheitsgefühl muss erlebbar sein und es ist  räumlich und personal nicht beliebig ausdehnbar. Personalgemeinden haben deshalb Konjunktur, können aber die Ortsgemeinden nicht ersetzen.

4. Die traditionellen Ortsgemeinden und auch relativ neue Gemeinden in neuen Stadtteilen sind trotz aller Mängel immer noch als relativ kleine Gemeinden für viele Christen und Nichtchristen, auch wenn ein Teil von diesen weniger häufig präsent ist, wieder wichtiger Kristallisationspunkt. Man kann dies an jeder funktionierenden Pfarrgemeinde sehen. Man weiß sich dazugehörig, kennt einander zumindest vom Sehen, weiß um den gemeinsamen christlichen Weg und ist zuweilen auch stolz auf seine Gemeinde (»Unsere Sternsinger haben ... EUR gesammelt! Unser Sommerfest.., unsere Kirche.., unsere neue Orgel..., wir haben...  ! ) Wenn man sich selbstbewusst mit seiner Gemeinde identifiziert, kann man Gastfreundschaft, Offenheit für andere und echte Zusammenarbeit mit anderen Pfarrgemeinden gerne praktizieren. Dies geschieht schon gegenwärtig und ist weiter ausbaufähig.

5. Angesichts dieses Sachverhalts wundere ich mich über mich selbst und die anderen Beteiligten, dass wir die von oben aufgestülpte und vorgeschriebene neue Struktur sofort verinnerlicht haben und unter dem unsäglichen »man kann ja doch nichts ändern« alle Energie darauf verwenden, unter Inkaufnahme der Schwächung unserer Ortsgemeinden eine Maxigemeinde zu schaffen, die dann gut funktionieren soll. Wir sagen zwar Pfarreiengemeinschaft, bauen aber im vorauseilenden Gehorsam den Weg zu einer zukünftigen Großpfarrei, was ja letztlich von oben intendiert und auf lange Sicht geplant ist (und in anderen Diözesen schon durchgezogen wird).

Und das ist steigerungsfähig, denn was wir heute mühevoll einrichten, ist in wenigen Jahren  - nach der Alterspyramide der Kleriker errechnet kaum mehr als 5 Jahre - schon zu klein; die Kleriker nehmen ab und die Pfarreienzusammenlegungen in noch größere Konstrukte dementsprechend zu, und das geht so weiter und weiter. Brasilien lässt grüßen! Und die Seelsorge wird immer intensiver, die eucharistischen Gottesdienste immer einladender (sie sind ja jetzt Raritäten und der eingeflogene Priester ist Überflieger dank Zeitmanagement) und die Menschen immer christlicher und die Kirchen immer überflüssiger und der Klerus immer wichtiger ......  und so weiter und so weiter.   

Die Bischöfe haben es eilig, die Pfarreiengemeinschaften jetzt möglichst rasch durchzudrücken, wohl wissend, dass schon in Kürze die nächste Runde eingeläutet werden muss. Unter diesem Gesichtspunkt ist wohl das, was die Bischöfe heute vorgeben und worum wir uns mühen, schlichtweg ein Flop, und die Sache Jesu, falls es um diese überhaupt noch geht, verdunstet, und die heimatlos gewordenen Nochchristen verlaufen sich. Doch keine Angst! Die hierarchische Struktur der Kirche und die »geistlichen Ämter« werden auch das überleben, es ist also alles in Ordnung!

Sollten wir nicht alle Energie darauf verwenden, unsere Ortsgemeinden in ihrer Identität (und damit Anziehungskraft) zu stärken, sie lebendig zu halten und lebendiger zu machen, wozu auch eine gute und effektive Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden dienen kann?  Das Subsidiaritätsprinzip könnte hier sehr nützlich sein! Und sollten wir nicht mit aller Energie dafür arbeiten, unsere Ziele auch gegenüber der Diözese soweit möglich durchzusetzen, z.B. eine angemessene personale Ausstattung einfordern, darauf dringen, Pfarrbeauftragte zu installieren und die als »Seelsorger« zu ordinieren, die zwar nicht Kleriker sind, aber jetzt schon die Arbeit machen, mehr Mitbeteiligung und Mitbestimmung der Pfarreimitglieder ermöglichen, von oben gegebene Anordnungen nicht einfach hinnehmen, sondern Wege suchen im Gespräch, ....., und mit langem Atem die unterstützen, die sich für die schon längst überfällige Ämterreform in der Kirche einsetzen.   Es gäbe viel zu tun!