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20.10.2019
04.06.13

Benedikt

Kategorie:
Nachrichten, Na Röm.-kath. Kirche, Na Kirche im 21. Jahrhundert

von Gerd Odoj

Kommentar zum Buch von Marco Politi

Am 16. November 2012 fand in Schweinfurt ein Vortragsabend statt. Eingeladen hatten katholische Pfarrfamilie, Münnerstädter Kreis und Kolpingfamilie Schweinfurt. Vortragender war Marco Politi, ein international renommierter Vatikankenner.

Er stellte (in ganz ausgezeichnetem Deutsch) sein Buch «Benedikt - Krise eines Pontifikats» vor, das sich damals noch in Arbeit befand und erst einige Wochen später im Rotbuch-Verlag herauskam. Seinen Inhalt kann man in dem Satz zusammenfassen: Joseph Ratzinger hätte nicht Papst werden dürfen!

Um es vorweg zu sagen: das Buch besticht auch wegen der stets merkbaren Insider-Kenntnisse.  So fragt man sich unwillkürlich, was eigentlich der feierliche Eid der Kardinäle zur absoluten  Geheimhaltung  des Konklaves wert ist, wenn man erfährt, dass Joseph Ratzinger schon im ersten Wahlgang 47 Stimmen erhalten hat und im vierten Wahlgang mit 84 Stimmen gewählt wurde.

Im Buch werden die Ereignisse geschildert, die nach Meinung Politis als Eklats und Pannen bezeichnet werden müssen:

  • das Regensburger Desaster, als Benedikt XVI im Audimax der Universität einen vor 600 Jahren stattgefundenen Disput zwischen dem byzantinischen Kaiser und einem Perser erwähnte, in dem Kaiser Manuel II dem islamischen Glauben nur Schlechtes und  Inhumanes zuspricht. Auch wenn es sich hier um ein Zitat gehandelt hat, dessen Aussage Benedikt sich nicht zu eigen machte, so war der Passus in der Regensburger Rede Grund für weltweite Empörung nicht nur in der islamischen Welt.
  • den Weihnachtsempfang für Kardinäle und Bischöfe 2005, als er zum ersten Mal als Papst die Reformbefugnis des 2. Vatikanischen Konzils in Frage stellte.
  • den Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz, der für einen Riss in den Beziehungen zur jüdischen Welt führte, weil Benedikt XVI die Shoah nur nebenbei  erwähnte und außerdem ein Bild bemühte, das jahrzehntelang von konservativen Kreisen in Deutschland verbreitet wurde. Der Aufstieg des Nationalsozialismus sei lediglich von einer Schar von Verbrechern dem deutschen Volk und der katholischen Kirche aufgezwungen worden.
  • den Umgang mit der Lefebvre-Bewegung und insbesondere mit Bischof Williamson.
  • die Frage zur Zulässigkeit von Kondomen angesichts der weltweiten Verbreitung von Aids. Während einer Reise nach Afrika hat Benedikt XVI ausdrücklich katholischerseits Kondome verboten. Im Gegenteil: durch deren Verteilung würde das Problem noch verschlimmert.
  • die Vatileaks-Affäre.
  • die öffentlich gewordenen Mißbrauchsfälle in der katholischen Kirche.
  • die zutage getretenen Skandale bei der Vatikanischen Bank.

All dies waren nach Meinung Marco Politis zum Teil Einlassungen, die unnötig waren. Wo es  andererseits sich um Ereignisse handelte, die öffentlich wurden und zwangsläufig einer Behandlung bedurften, hätte es ein anderes Vorgehen gebraucht. Es fehlte der Steuermann, der  das Schiff auch durch Stürme lenken kann.

Inwieweit man den Schlußfolgerungen des Autors folgt, wonach Krisen eine Konstante dieses  Pontifikats waren oder inwieweit man das Werk als Schwarz-Weiß-Malerei abtut, muß jeder für  sich entscheiden, der das Buch liest.

Auffallend sind jedenfalls die überaus genauen Detailkenntnisse. Sie erklären sich daraus, dass  Marco Politi über 20 Jahre lang für die Zeitung « La Repubblika « aus dem Vatikan berichtet hat und dass er zum Beispiel (wie er in Schweinfurt erwähnte) die Päpste Johannes Paul II und Benedikt XVI auf über 80 Reisen in alle Welt begleiten durfte.

Bei aller Kritik hat er andererseits immer wieder die theologische Brillanz, die unangefochtene intellektuelle Autorität Benedikts XVI hervorgehoben. Er hat an einer Stelle auch über dessen Humor berichtet, als er seinen Ausspruch zitierte: «In Italien ist es immer schwer zu sagen, inwieweit überhaupt etwas erschüttert worden ist. Da brechen politische Systeme zusammen und dann ändert sich eigentlich überhaupt nichts.» Fürwahr, eine Aussage, die scheinbar permanente Gültigkeit hat.

Zum Ende des Buches, das wohlgemerkt 2012 abgeschlossen und erschienen war, liest man eine geradezu hellseherische Überlegung zu einem Rücktritt des Papstes. Es werden sogar genau die Gründe genannt, die Benedikt XVI wenig später bekannt gab: Abnahme der physischen, psychischen und geistigen Kräfte in einem Ausmaß, das eine Weiterführung des Amtes unmöglich macht.

Nach diesem professoralen Theologen folgt mit Franziskus nun ein Papst, von dem Jesuiten hinter vorgehaltener Hand sagen: «...er ist einer von uns, aber nicht der Intellektuellste.»

Wer weiß. Es gilt immer noch: Wem Gott gibt ein Amt, dem gibt er auch Verstand.
Gerd Odoj