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20.10.2019
15.03.16

Offener Brief an Bischof Oster

Kategorie:
Na Kirche im 21. Jahrhundert, Na Priesterbild, Na Restauration in der kath. Kirche, Na Röm.-kath. Kirche, Na Nachrichten, Nachrichten

von ml

Sehr geehrter Herr Bischof Oster,

Ihr Interview »Was sagt die Kirche zum Sex?« in "Christ und Welt" 50/2015 hat mich sehr betroffen gemacht, und das in vielerlei Hinsicht. Lassen Sie mich das in ein paar Punkten begründen.

1.
Es ist erstaunlich, mit welcher Unbedarftheit Sie mit biblischen Texten umgehen, so, als könnten wir sie wortwörtlich nehmen und sozusagen buchstäblich ins Heute übertragen. Sie fragen nicht nach einer Exegese, die die biblischen Texte in ihrer Zeitbezogenheit zu verstehen versucht, um sie so den Menschen heute nachvollziehbar und als Richtschnur für ihren Glauben annehmbar zu machen. Es ist eine Überheblichkeit, so zu tun, als sei das, was die Kirchenleitung heute sagt, von Jesus schon genau so gemeint gewesen. Ihre Schlussfolgerung »entweder Sex nur in der Ehe oder gar kein Sex« entbehrt jeder biblischen Grundlage.

2.
Es ist erstaunlich, mit welchen Scheuklappen Sie durchs Leben gehen, wenn Sie apodiktisch sagen: »Es geht doch gerade nicht um ein Glück ausschließlich in dieser Welt« und damit das Glück in dieser Welt im Grunde geringachten. Sie sehen nicht, dass es auch ein »Leben vor dem Tod« gibt. Nach Jesu Botschaft ist das Reich Gottes schon jetzt angebrochen, wird bruchstückhaft verwirklicht und eschatologisch vollendet. Die Suche danach, wie es dem Menschen gelingt, ein erfülltes Leben in seiner von Gott gegebenen Sexualität zu finden, als »romantische Liebe« und »eine Art Ersatzreligion« zu sehen, ist bezeichnend für das, was ich Scheuklappendenken nenne.

3.
Es ist erstaunlich, mit welcher Unverfrorenheit sie »Kirche« mit sich oder meinetwegen mit der gesamten Kirchenleitung gleichsetzen, wenn Sie sagen: »Die Kirche weiß durch die Offenbarung nicht nur tiefer, wer Gott ist; sie weiß auch, weil Gott Mensch geworden ist, tiefer, wer der Mensch ist und wohin der Mensch geht« und in gleichem Atemzug abschätzig äußern, dass »hinter dem ZdK-Papier nicht die Weiterentwicklung der Lehre (steckt), sondern der Wunsch nach einer neuen Anthropologie.« Es stehe nicht mehr auf dem Boden der Lehre. Sie nehmen damit den »sensus fidelium« nicht ernst und pochen auf eine immer schon so da gewesene unabänderliche, weil »wahre« Lehre. Wenn Sie in die Geschichte der Kirche schauen, müssen Sie sich eines anderen belehren lassen.

4.
Es ist erstaunlich - oder nach den bisherigen Einlassungen eigentlich nicht mehr erstaunlich - wie Sie mit der »Unauflöslichkeit der Ehe« umspringen. Sicher ist die Ehe in den »Bund Gottes mit den Menschen« einbezogen. Gott nimmt seine Liebe nie zurück. Aber daraus schlusszufolgern, dass Menschen, die nach einer gescheiterten Ehe wieder geheiratet haben und eine neue ethische Verpflichtung, auch Kindern gegenüber, eingegangen sind, aus diesem »Bund Gottes mit den Menschen« herausgefallen seien und deshalb nicht mehr zur Kommunion gehen dürften, ist eine Aufgeblasenheit der Kirchenleitung, die sich über die Menschen erhebt, die doch im »gemeinsamen Priestertum« Verantwortung für den in unserer Welt gelebten Glauben haben. Wer gibt jemandem, der nicht in Situation der Ehe lebt, zölibatären Männern also, das Recht, anderen schwere Lasten aufzubürden, die sie selbst nicht zu tragen bereit sind? Nur Gott ist in seiner Liebe absolut, wir Menschen können uns dieser Liebe immer nur annähern. Sie statt eines Angebotes Gottes als ein unverbrüchliches Gesetz zu deklarieren, zeugt davon, dass Sie die Botschaft Jesu vom liebenden Gott zum Steinbruch für eine neue Gesetzesfrömmigkeit machen.

5.
Es ist erstaunlich, wie Sie die Möglichkeit der Eheannullierung sehen: »Deshalb ist es auch wichtig, genau zu prüfen, ob eine sakramentale Ehe gültig zustande gekommen ist, ob diese Ehe wirklich von Gott verbunden wurde. Von Gott her gedacht ist die Ehe unauflöslich, nicht von uns her. Man kann ihn nicht so einfach daraus verabschieden.« Ehe ist doch ein lebenslanger Prozess, nicht der einmalige Akt des Eheversprechens. Kein Wunder, wenn die »Eheannullierung« in dieser Form von den Menschen als »Scheidung auf katholisch« bezeichnet wird. Man kann nicht sein ganzes bisheriges Leben, man kann nicht seine Kinder »annullieren«. Andererseits: Wie kann eine Ehe »unauflöslich« sein, wenn sie de facto nicht mehr existiert, wenn die Liebe einfach abhanden gekommen und nicht mehr erneuerbar ist, wenn die Beziehung also »tot« ist, vielleicht gar durch ständige Gewalt der Partnerin oder den Kindern gegenüber? Was bleiben muss - und das wäre eine sinnvolle Deutung von »unauflöslich« - ist die lebenslange Verantwortung für den Menschen, mit dem ich einmal in Liebe verbunden war, und vor allem die Verantwortung für gemeinsame Kinder.

6.
Und schließlich ist es erstaunlich, mit welcher Arroganz Sie sich selbst in den Mittelpunkt stellen und zum alleinigen Maßstab machen, wenn Sie sagen: »Aber das, was ich jetzt vertrete, habe ich nicht erst als Bischof vertreten. Ich habe so etwas wie Bekehrung erlebt, schon lange. In volkskirchlichen Strukturen und womöglich auch in ZdK-Strukturen hat das Wort »Bekehrung«, das biblisch so wichtig ist, nach meiner Wahrnehmung kaum noch einen Klang. Verändert der Glaube mein Leben?« Wollen Sie Menschen, die durch die Taufe neu geboren und in die Gemeinschaft mit Christus und seiner Kirche geführt worden sind, denen eine christliche Erziehung den Blick für das Wesentliche geöffnet hat und die durch ein bewusstes Ja dazu als Christinnen und Christen leben, absprechen, dass der Glaube ihr Leben verändert - verändert in dem Sinne, dass sie in ihrem Leben immer tiefer in ihn eindringen und ihn zum Maßstab für ihr Reden und Tun machen?

Sehr geehrter Herr Bischof Oster, von einem Bischof erwarte ich, dass er auf die Menschen in ihren jeweiligen Lebenssituationen zugeht und sie ernstnimmt, dass er also nicht schon von vornherein weiß, was richtig ist, nur weil er »von Amts wegen« spricht. Wer die »Zeichen der Zeit«, von denen das Zweite Vatikanische Konzil spricht, als Bischof nicht sehen will, wer das »aggiornamento« des Konzilspapstes Johannes XXIII. als billige »Anpassung an den Zeitgeist« verunglimpft, der läuft Gefahr, dass er in den Augen der Menschen seine Legitimität als Bischof verliert.
Es ist meiner Meinung nach an der Zeit, dass die Bischöfe das »Jahr der Barmherzigkeit« ernstnehmen und nicht ein starres Lehrgebäude mit dem Glauben verwechseln. Gott sei Dank gibt es schon viele Bischöfe, die sich das auf ihre Fahne geschrieben haben.

Mit geschwisterlichen Grüßen
Magnus Lux