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18.07.2019
10.04.08

Summorum Pontificum

Kategorie:
Na Messe

von Frank-W. Breitenstein

Kritische Anmerkungen zum neuesten Lehrschreiben aus Rom

Da kann sich Kardinal Lehmann noch so sehr bemühen, dieses Lehrschreiben aus Rom herunterzuspielen als Bestätigung dessen, was ohnehin schon galt. Das motu proprio Benedikt des XVI. stellt einen krassen Rückschritt für die katholische Welt dar.

Ohne Not rollt er Jenen den roten Teppich aus, die das Rad der Geschichte zurückdrehen möchten. Es sind Jene, die den Realitäten des 21. Jahrhunderts nicht ins Auge blicken wollen und deshalb meinen, der Klerus solle es ihnen gleich tun, indem er dem Kirchenvolk den Rücken zukehrt.

Ein althergebrachter Ritus mag ergreifende Momente in sich bergen - er bleibt dennoch nur ein Vehikel, ein Mittel zum Zweck. Alles hat seine Zeit, auch eine liturgische Form: die tridentinische Art der Messfeier ist weder biblisch überliefert noch jesuanischen Ursprungs. Christliche Ur-Gemeinden feierten die Eucharistie nachweislich weit weniger opulent und ohne einen selbstverliebten Hang zur Äußerlichkeit. An dieser schlichten Glaubenspraxis Gefallen zu finden, dazu bedarf es allerdings einer tiefempfundenen Demut und nicht des Pomps und der Selbstbeweihräucherung von Priestern, denen der Heilige Stuhl seit Jahrhunderten Vorschub leistet.

Wenn wir schon so traditionsbewusst sein wollen in der katholischen Kirche, warum obsiegen dann stets die hausgemachten Spielarten pontifikaler Machtfülle über die schlichten Zeugnisse der Heiligen Schrift? Mit letzteren könnten sich nämlich mindestens ebenso viele Katholiken weltweit anfreunden wie mit den alten Zöpfen zwischen Stufengebet und Bassgeige. Stattdessen werden Priester, die auf biblischen Auftrag hin Partei für die Armen ergreifen, gern einmal von Rom kaltgestellt: der Entzug der Lehrerlaubnis bildet ein probates Mittel dafür.

Na gut, wir wollen nicht ungerecht sein. Es hat nicht immer nur "die Linken" getroffen wie Leonardo Boff oder Jaques Gaillot. Marcel Lefebre hat auch sein Fett weggekriegt. Nur bei ihm und seinen Anhängern tut es dem Vatikan jetzt offenbar leid. Schließlich will man ja die Einheit nicht behindern!

Wir dürfen also gespannt sein, ob Benedikt XVI. sich auf der anderen Seite der Una Sancta genau so weit aus dem Fenster lehnen wird, um auch die verlorenen Schafe des progressiven Spektrums wieder einzusammeln. Das könnte zum Beispiel damit beginnen, dass Gemeindemitglieder als Träger individueller Berufungen und Charismen ernst genommen werden und so ihren Anteil am "Priestertum aller Gläubigen" leben dürfen. Das müsste auch dazu führen, dass hervorragend ausgebildete Laientheologen nicht weiter an der Verkündigung in der Eucharistiefeier gehindert werden, nur weil sie keine Weihe besitzen und damit offenbar auch keine tieferen Einblicke in die Geheimnisse der Rhetorik, geschweige denn der göttlichen Eingebung.

Wohl gemerkt: all das muss nicht verpflichtend für die ganze Kirche gelten. Es würde ja schon genügen, wenn analog zu Art. 5 des Motu Proprio "eine Gruppe von Gläubigen, die dauerhaft in einer Pfarrei existiert" mit der Aussicht auf Erfolg darum bitten darf. Eine solche Pfarrei hätte das Zeug, "die Zeichen der Zeit zu erkennen und im Licht des Evangeliums zu deuten", wie das zweite Vatikanum es einfordert. Wir brauchen keine Priester, die sich vom Kirchenvolk abwenden, sondern solche, die der Welt von heute ins Auge schauen.

Kein Mensch käme schließlich auf die Idee, im 21. Jahrhundert eine Barock-Kirche zu bauen!