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31.05.2020
31.08.08

40 Jahre Humanae vitae

Kategorie:
Nachrichten, Na Humanae vitae

von Reinhold Nöth

Am 25. Juli 1968 hat Papst Paul VI. die Enzyklika Humanae vitae veröffentlicht, die bis heute heftig umstritten ist. Wohl kein päpstliches Rundschreiben ist in der Kirchengeschichte auf so nachhaltige Kritik gestoßen wie diese sog. Pillenenzyklika.

 

Schon die Entstehungsgeschichte war außergewöhnlich. Das II. Vatikanische Konzil (1962 - 65) hat in seiner Pastoralkonstitution »Gaudium et spes« ein neues Eheverständnis formuliert: Hier wird die Ehe als Liebesbund gesehen. Ihr oberstes Ziel und ihr Sinn ist die Liebe zwischen Mann und Frau, nicht allein die Zeugung und Erziehung von Kindern, wie bisher das Kirchenrecht (Codex iuris canonici 1013) oder andere kirchliche Verlautbarungen erklärt haben. Freilich war die Frage nach der Empfängnisverhütung noch nicht durch den Konzilstext gelöst. Deshalb setzte Paul VI. eine Expertenkommission ein, die aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen und Theologen zusammengesetzt war. Diese hat sich in ihrem Beschluss vom Juni 1966 mit überwältigender Mehrheit (64 : 4) für eine großzügige Regelung ausgesprochen. Doch der Papst folgte einem Gegengutachten von fünf Kardinälen, darunter sein späterer Nachfolger Karol Woytila, und erklärte in seiner Enzyklika »jede Handlung für verwerflich, die entweder in Voraussicht oder während des Vollzugs des ehelichen Aktes oder im Anschluss an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern, sei es als Ziel, sei es als Mittel zum Ziel.« (14). Begründet wird diese Lehre mit dem Naturrecht, wonach »jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben muss« (11). Allein die Wahl der unfruchtbaren Tage der Frau ist erlaubt, um eine weitere Schwangerschaft zu verhindern, denn nur diese ist eine »naturgegebene Möglichkeit« (16).

 

Die Reaktion der Öffentlichkeit auf dieses Lehrschreiben war katastrophal. Mehr als 1000 Wissenschaftler aus aller Welt protestierten in einem offenen Brief gegen die Argumente des Papstes und nannten die Enzyklika »unmoralisch«. Auch innerkirchlich war man unzufrieden und enttäuscht. Die deutschen Bischöfe verfassten die »Königsteiner Erklärung« und verteidigten Ehepaare, die aus Gewissensgründen nicht der Meinung des Papstes folgen können. In Österreich reagierten die Bischöfe in gleicher Weise mit ihrer »Maria-Troster-Erklärung«. Ähnliche Stellungnahmen gab es in anderen christlichen Ländern. Auf dem Katholikentag in Essen (Sept. 1968) sprach ein »Aktionskomitee kritischer Katholiken« dem Papst das Misstrauen aus. Seitdem hat die fundamentale Kritik an diesem Schreiben nicht mehr aufgehört.

 

Sicherlich trifft das häufig gehörte Prädikat »Pillenenzyklika« nicht ganz zu. Das Wort »Pille« kommt im Schreiben gar nicht vor. Trotzdem geht es genau um dieses Thema. Anfang der 60er Jahre wurde die Pille entwickelt, und dies war sicher ein Alarmsignal für die Kirche, ihre Sexualmoral zu überdenken. Doch statt auf das neue Verständnis des II. Vatikanischen Konzils einzugehen, folgte Paul VI. der bisherigen Ehezwecklehre und begründete seine Entscheidung mit dem sog. Naturrecht, wonach jeder Sexualakt auf die Erzeugung von Nachwuchs ausgerichtet bleiben muss. Die Moraltheologen waren entsetzt: Was ist Natur, was verstößt gegen die Natur? Ist Haareschneiden und Rasieren schon eine unnatürliche und naturrechtswidrige Handlung? Ist eine Operation bzw. eine künstliche Hüfte oder eine Transplantation ein Verstoß gegen das Naturrecht? Der Mensch ist doch kein reines Naturgeschöpf, sondern mehr noch ein Kulturwesen. Er darf, ja er soll sich die Natur zunutze machen, wie es schon im Schöpfungstext (Gen. 1,28) heißt.

 

Bis heute hat diese Engführung auf einen fragwürdigen Naturbegriff verheerende Folgen für die Glaubwürdigkeit der Kirche. Die Autorität des Lehramtes ist schwer beschädigt. Die Gläubigen nehmen der Kirche einfach nicht mehr ihre Moralvorschriften ab. Die Sexualmoral der Amtskirche ist vor allem für junge Menschen nicht mehr akzeptabel bzw. vermittelbar. Dabei geht die Enzyklika nur von Sexualität in der Ehe aus. Vor- bzw. außerehelicher Geschlechtsverkehr ist sowieso kein Thema. Dieser welt- und realitätsfremde Blick wird geradezu unverantwortlich und bedrohlich, wenn die Kirche angesichts der Aidsproblematik und Überbevölkerung stur am Verbot von Kondomen bzw. künstlichen Verhütungsmitteln festhält. Jetzt hat Papst Benedikt XVI. anlässlich des 40jährigen Jubiläums von Humanae vitae die Position der Enzyklika ausdrücklich verteidigt und das päpstliche Schreiben als »Zeichen des Widerspruchs« und »unveränderte Wahrheit« gelobt.

Mit dieser sexualfeindlichen Haltung wird die Entfremdung zwischen Kirche und (jungen) Menschen leider ungebrochen weitergehen. Statt endlich die Liebe und das gegenseitige Vertrauen zum moralischen Maßstab für sexuelles Verhalten zu machen, gilt weiterhin das sexualfeindliche und lebensfremde Lustverbot.