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31.05.2020
26.01.09

Reizwort Gemeindezusammenlegung

Kategorie:
Nachrichten, Na Pfarrgemeinde - Gemeindezusammenlegungen

von reinhold stecher

Reinhold Stecher, em. Bischof von Innsbruck, an Prof. Medard Kehl

Sehr geehrter Herr Professor!

Für Ihren Artikel in den Stimmen der Zeit »Reizwort Gemeindezusammenlegung« möchte ich Ihnen herzlich danken. Vor allem auch für den theologischen Hintergrund der »Kirche vor Ort«, von dem man sonst nicht viel hört. Mir ist das »Reizwort« in den letzten Jahren sehr vertraut geworden. Ich bin als Bischof nunmehr zehn Jahre im Ruhestand, und meine Hauptaufgabe wurden Exerzitien und Einkehrtage. (...) In diesen leiseren Begegnungen habe ich die Probleme der Kirche mehr von der Innenseite kennengelernt, in persönlichen Gesprächen wie in den immer wieder gewünschtengemeinsamen Ausspracheabenden. Das sich mir eröffnende Bild ist überall das gleiche: (...) [Ich] musste ... feststellen, dass Rom und die Hierarchie als motivierende Kraft immer schwächer werden. Es öffnet sich hier die Kluft einer emotionalen Entfremdung, die mir Sorge macht, weil ich emotionale Entfremdungen für schwerwiegender halte als den einen oder anderen aktuellen Streit. Diese Entfremdung ist natürlich je nach der Persönlichkeit des Bischofs verschärft oder gemildert, aber sie ist da.

Es gibt viele Hintergründe für diese Entfremdung. Einer liegt sicher darin, dass Rom konsequent die Ernennung von Bischöfen, die vom überwiegenden Vertrauen ihrer Mitbrüder und des Volkes getragen sind, ablehnt. (...) Man tendiert mehr zum Statthalter statt zum Hirten. Damit ist aber notwendigerweise verbunden, dass immer weniger Bischöfe aus der Erfahrung der kleinen, alltäglichen Seelsorge kommen. (...) Der Stand der Seelsorgspriester ist in der Hierarchie weitgehend nicht mehr präsent, in der höchsten am allerwenigsten.

Ein anderer Grund sind Vorgaben der Leitung, die an der Basis nicht akzeptiert wurden. Mir ist nie ein Seelsorgspriester begegnet, der »Humanae vitae« für richtig hält und verteidigt. Kardinal König, mit dem ich sehr befreundet war, hat mir gesagt, dass Paul VI. ihm auf seine Frage persönlich geantwortet habe, er habe diesen Passus in Humanae Vitae doch nicht so ernst genommen«. Gerade diese Lehre wurde aber in einer Geheimanweisung an die Nuntien zur eigentlichen Qualitätsprobe für das Bischofsamt unter Johannes Paul II. erhoben. Für die Seelsorger an der Basis ist diese Lehre nie begründbar und akzeptabel gewesen. Ich weiß in der Kirchengeschichte nicht viele Beispiele einer perfekteren »doctrina non acceptata«.

Ein anderer Grund, in dem die Seelsorger an der Basis mit der offiziellen Linie der Kirche nicht übereinstimmen, ist der pastorale Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten ohne jede Rücksicht auf ihre religiöse Verfasstheit und Sehnsucht. De facto wird dieses sakramentale Verbot nicht durchgeführt - aber eben auf Kosten einer inneren Gemeinsamkeit mit Rom. In Deutschland ist ein weiterer Grund der ganze Vorgang mit der Schwangerschaftsberatung. (...)
Und nun ist ein weiterer Entfremdungsgrund das von Ihnen angeschlagene Thema der sogenannten Gemeindezusammenlegungen. Die Seelsorgspriester wurden zu diesen »Lösungen« kaum gefragt - sie haben ja kein Podium, auf dem sie mit Gewicht auftreten könnten. Die Priesterräte sind de facto und de jure belanglos. Pfarrergemeinschaften, die auf die Folgen dieses Systems offen hinweisen, werden ins häretische Abseits gedrängt (so in Österreich). Die Seelsorger - und gerade die, die den Zölibat als Dienst an der Sache Jesu gelebt haben und leben - verstehen das »sakramentale Austrocknen« der Kirche nicht. Und wenn man dazu sagt, die Priester sollten eben anderes den Laien überlassen und sich auf das Sakramentale beschränken, dann wissen die erfahrenen Seelsorger, dass eben lebendige Sakramentalität in der Kirche den Aufbau menschlicher Beziehungen voraussetzt, dass z.B. die Krankensalbung [durch Laien, Red.] sehr oft der Schlusspunkt einer längeren Betreuung und einfühlsamer Gespräche ist und nicht einfach ein mechanischer Akt, bei dem ein Unbekannter [Priester, Red.] zu einem Unbekannten zu einer Geste und einem gemurmelten Wort gerufen wird. Genau das ist aber der Fall, wenn der Wirkungsbereich des Priesters den Aufbau menschlicher Bezüge praktisch verunmöglicht.

Ich habe als Bischof in meiner Diözese zusammen mit den Pfarrern alle Alten, Kranken, nicht Gehfähigen besucht. (...) In seelsorglichen Großräumen stirbt das. Und wer da glaubt, dies sei eine »quantité négligeable«, der täuscht sich. Krankenseelsorge - das wissen alle guten Pfarrer - ist Familien-, ja sogar Fernstehendenseelsorge. Auch der kirchenentfremdete Enkel ist damit einverstanden. Ich habe in einem Dekanat während des Sommers bis in die Berghöfe hinauf alle Alten und Kranken besucht. Als ich dann im Herbst, in Zivil, eine Bergtour beim Brenner allein machen wollte und mit dem ersten Frühzug nach Süden fuhr, sind die Arbeiter mit den gelben Helmen, die in den Tunnels beschäftigt sind, in den noch dunklen Zug eingestiegen. Da hat mich einer in der Ecke entdeckt und hat gesagt: Sie waren bei meinem Großvater, und ein anderer ist gekommen und hat gesagt, dass ich bei seiner Mutter war. Und im Nu saß ich unter einer Menge Arbeiter, und wir haben uns über Gott und die Welt unterhalten.

Wenn ich noch so einen gescheiten Sozialhirtenbrief schreibe, setzt sich deshalb kein einziger Arbeiter in der Bahn neben mich. Und das sind die pastoralen Dimensionen, die die hohe Kirche nicht mehr kennt. Und deshalb verstehen die meisten Seelsorger ihre Kirche nicht mehr. Das menschliche Gesetz des Pflichtzölibats wird über den Heilsauftrag gestellt. Natürlich stimmt die Argumentation, dass der einigermaßen echt als Entfaltung gelebte Zölibat ein großes Geschenk an die Kirche ist. Aber nirgendwo gibt es in der Offenbarung einen Rückhalt für die Ansicht, dass das sakramentale Heil nur durch unverheiratete Hände weitergegeben werden darf. So höre ich es von Priestern, die ihr ganzes Leben den Zölibat treu gehalten haben. Die Praktiker der Seelsorge wissen, wie das mit den hochgejubelten »Großräumen« in Wirklichkeit aussieht. Ich könnte unzählige Beispiele anführen, in denen die Übernahme derartiger Aufgaben als sinnlos empfunden wird (und Sinnlosigkeitserfahrungen sind der Hauptgrund für Stress und Berufskrisen).

Die derzeit an Priester in solchen Diensten gestellten Aufgaben erfordern in besonderer Weise hochqualifizierte, vitale und begabte Persönlichkeiten. Ich erlebe im Nachwuchs, bei Weihekandidaten und auch im Gespräch mit Ordensvorgesetzten und Regenten, dass dieser Typ heute eher selten wird. Es kommen sehr oft introvertierte, sehr angepasste und wenig initiative junge Menschen, manchmal auch mit superkonservativ-hochwürdig-abgehobener Prägung, die schon mit der Leitung überschaubarer Einheiten Schwierigkeiten haben. Das alles bestärkt in den Seelsorgern den Eindruck, dass die höchste Kirchenleitung an einem hohen Maß von Realitätsverlust leidet.

Das manchmal in theoretischen Überlegungen hingeworfene Wort, dass die flächendeckende Seelsorge eben passé sei, heißt in Wirklichkeit, dass die Kirche die Menschen verlässt. Und das dreht das Herz der Hirten um. Sie erleben, wie ihr Lebenswerk den Bach hinunter geht, wie es mir eben ein alter Pfarrer gesagt hat. Es ist irgendwo tragisch, dass diese schleichende Entpersonalisierung der Kirche ( die Zeit würde das Gegenteil verlangen ) einhergeht mit der maßlosen Überschätzung der Bedeutung von Groß-Events und Massenveranstaltungen, in die Geld und Energie aufwendig investiert werden und die niemals das verlorene Terrain an menschlich-erlebbaren und überschaubaren Strukturen ersetzen können. (...) Diese grundsätzlichen Probleme habe ich ziemlich ungeschminkt sowohl Johannes Paul II. als auch dem damaligen Kardinal Ratzinger gesagt. (...)

Es gibt natürlich Gruppierungen, die mit all dem völlig einverstanden sind. Aber diese Gruppierungen, die als »movimenti« bei jeder Gelegenheit gelobt werden, sind in Wirklichkeit in der Seelsorge wenig präsent. Sie leben sich, und ihren Priestern werden acht-, zehn- und fünfzehntausend Gläubige umfassende Großräume nie zugemutet. Sie sind in den römischen Dikasterien präsent, und irgendeine Kritik nach oben werden sie sich nie leisten.
Bei den letzten Jahrgangsexerzitien einer deutschen Großdiözese ist bei dem Besuch des Bischofs ( der sehr geschätzt wird ) der Sprecher der ganzen anwesenden Priesterschaft aufgetreten und hat gesagt: »Herr Bischof, Sie dürfen nicht nur die Anliegen Roms zu uns bringen, sie müssen heute vor allem auch unsere Anliegen nach Rom bringen.« Das wird schwierig sein. Aber ich bete (mehr kann ein Altbischof nicht tun), dass der Herr meiner Kirche ein hörendes Herz schenke, wie es sich Salomon erbeten hat.

Da ich aus Ihren Worten spüre, verehrter Herr Professor, dass Sie bemüht sind, das Beste aus der Situation herauszuholen, wollte ich diesen kleinen Erfahrungsbericht an Sie weitergeben. Die grundsätzlichen Probleme habe ich ziemlich ungeschminkt sowohl Johannes Paul II. wie auch dem damaligen Kardinal Ratzinger gesagt. Damals hatte ich aber noch nicht die Bestätigung durch die ausgedehnte Exerzitienarbeit im deutschen Sprachraum.
Ihnen wünsche ich Gottes Segen für Ihr Wirken. Manchmal gehe ich in die Krypta der Jesuitenkirche in Innsbruck und weiß mich dort zutiefst eins mit den verehrten Lehrern und großen Geistern.

Mit herzlichem Gruß
Ihr gez. Reinhold Stecher