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20.10.2019
10.09.06

Alles ist anders - und doch wie es war (K. Wecker)

Kategorie:
Na Pfarrgemeinde - Gemeindezusammenlegungen

von klaus hofmann

Kirchliche Jugendarbeit heute

Dass die Zeiten sich ändern, im Jugendbereich vielleicht sogar noch schneller als anderswo, das ist nicht neu. Auch die Angebote auf dem Volkersberg für Kinder und Jugendliche haben sich geändert und werden sich weiter ändern. Womit Kirche noch vor 15 Jahren Jugendliche erreicht hat, ist heute sowas von gestern, dass nur noch ein verschwindend geringer Teil der jungen Menschen sich davon ansprechen ließe. Völlig falsch wäre es jedoch, daraus zu schließen, dass heute Fragen der Sinngebung, der Orientierung insgesamt, des Glaubens und der Religion out wären. Wenn man sich die Texte der zeitgenössischen Rock- und Popmusik ansieht, dann sind sie voll davon. Hat man vor Jahren mit Liedern aus dem Troubadour im Jugendgottesdienst begeistern können, so nimmt man heute Lieder aus den Charts, die die wesentlichen Fragen des Lebens benennen: wo komm ich her, wo geht es hin, was kann meinem Leben Sinn geben, was trägt und hält mich, wenn alle Dämme brechen?

 

Eine große Studie, die sich mit den Lebenswelten der - jungen - Menschen beschäftigt, zeigt auf, dass für viele Jugendliche die Kirche allgemein und die Pfarrgemeinde im Konkreten zu bürgerlich, zu langweilig, zu brav, zu folgenlos ist. Kirche muss ihr Image verbessern, ansonsten klappt Kommunikation nicht, so Matthias Sellmann, Theologe und Soziologe, der sich im Auftrag der Bischofskonferenz mit der Studie der Lebenswelten Jugendlicher beschäftigt hat. "Wir müssen rausgehen, wir müssen da hin, wo die relevanten Dinge passieren. Wo Gott seine Geschichte mit den Menschen schreibt", so Sellmann weiter, "wo es um Liebe und Enttäuschung, um Hoffnung und Verlust, um Schmerz und Lust, um Grenzerfahrungen und Begeisterung geht, so meine Erfahrungen. In alledem spielt nach meiner Vorstellung auch Gott eine Rolle." Die Textschreiber von Silbermond und Rostenstolz, von Xavier Naidoo oder Grönemeyer, sie wissen es und sie umschreiben diese Urkraft des Lebens, sie benutzen andere Worte oder benennen sie gar nicht und trotzdem wird deutlich, was gemeint ist: das, was dich unbedingt angeht, was dein Herz trifft und den Bauch kribbeln lässt, was dir verrückt erscheint, was du nicht erklären kannst und dich dennoch bewegt: die Liebe zum Beispiel.

 

Das ist auch das Thema junger Menschen, sie suchen danach und finden Bruchstücke davon, und es bleibt wie bei uns allen dieser Rest unerfüllter Sehnsucht, was auch die beste Beziehung nicht ausfüllen kann. Vielleicht ist es das, was Himmel meint, vollkommene Geborgenheit, Erfüllung aller Sehnsüchte, Ende aller Ängste, Antwort auf alle Fragen, Aufgehen in der Liebe Gottes ohne sich selbst dabei zu verlieren.

 

Die Inhalte passen durchaus, das berührt junge Menschen. Nicht umsonst werden die Platten gekauft und sind die Konzerte voll. Der Unterschied zu Silbermond und anderen Bands liegt halt darin, dass wir in der Regel ganz anders daherkommen, dass Kirche leider oft alt und altbacken, langweilig und ereignisarm ist.

 

Der Hochseilgarten ist ein Medium, mit dem wir in den letzten Jahren erfolgreich diese andere Form der Bildungsarbeit praktiziert haben und die bei den Menschen angekommen ist, nicht im Kopf, im Bauch: "einmal auf dem Pamper Pole stehen ersetzte mir drei Monate Therapiesitzungen!", so hat sich eine Stressmanagerin aus Frankfurt mal geäußert. Wann kommen die Menschen noch in Kontakt mit sich selbst? Unsere Welt ist voll von Ablenkungen, am Pamper Pole musst du dich mit dir selbst auseinandersetzen, mit deiner Angst und mit der Frage, wie du damit umgehst. Die jungen Menschen im Hochseilgarten sind konfrontiert mit sich selbst, mit der Angst und dem Gefühl der Sicherheit, mit Vertrauen und Ermutigung. Da hängst du in der so genannten Eieruhr und weißt weder vor noch zurück und dennoch geht es irgendwie weiter, weil du nicht aufgibst, weil du dich ausprobierst und plötzlich bist du auf der anderen Seite.

 

Das gibt es im Leben auch und darüber lässt sich dann auch sprechen, wenn wir wieder am Boden sind und alle dieses Gefühl kennen, vom Hochseilgarten und vom richtigen Leben. Da geschieht dann Begegnung mit Tiefe, da ist nichts mehr langweilig oder ereignislos, da zittern die Knie und das Herz schlägt bis in den Hals. "Und was hat euch die Sicherheit gegeben, trotz der Angst es zu wagen?", wird oft gefragt: "Das Seil und die anderen, die mich gehalten haben oder die Trainerin", und in deinem Leben, was gibt dir da Sicherheit? Freunde vielleicht, mein Vertrauen zu mir selbst, Eltern und ihre Geschichte oder das Wissen um jene große ominöse Kraft, die manche Gott nennen und die uns Jesus als Vater nahe gebracht hat. Plötzlich kann man davon sprechen und erzählen wie es mir geht, mit meinen "Sicherheitsgebern" mit meinen "Seilen", die mich halten und meinem Gott.

 

Es geht auch heute noch, kirchliche Jugendarbeit zu machen - und durchaus lebendig und ansprechend. Wir werden damit weiter machen, was es auch sei: Firmkatechese im Hochseilgarten, Segensfeier für Liebende mit "Wir sind Helden" und Gedichten von Erich Fried, Kinderfreizeiten, in denen Kinder den Tiger in sich wecken und andere Blockrüssler schweißen. Und immer geht es auch um die Menschen, um neue Erfahrungen, sie werden sich selbst bewusst - und das ist wichtig. Ich glaube daran, dass in jedem Menschen Christus lebt und je mehr wir uns selber bewusst werden um so mehr wird er durch uns wirken können.

 

"Das Ende ist nahe, wenn man sich auf dem Erreichten ausruht" - das werden wir nicht, wir machen weiter, vielleicht ist das nächste Puzzleteil neben dem Hochseilgarten das Zirkuszelt!?

 

Heilung bei Jesus war immer ganzheitlich, immer auch körperlich zu spüren: der Lahme konnte wieder gehen, der Blinde wieder sehen - und bei uns? Erfährt vielleicht die Hauptschülerin im zirkuspädagogischen Projekt, dass sie als die Abschlussfigur bei der Menschenpyramide eine ganz wichtige Rolle hat, dass sie wertvoll ist und gebraucht wird - und das gegen den gesellschaftlichen Trend, der Hauptschülerinnen und Hauptschüler eigentlich gleich auf die Arbeitslosigkeit vorbereiten will. Klar werden wir damit nicht die Welt verändern und dennoch kann dieses eine Erlebnis für das Mädchen unheimlich wichtig sein - zumindest glauben wir daran und deswegen machen wir, die Teamerinnen und Teamer der Jugendbildungsstätte, diese Arbeit und machen sie mit Begeisterung, nicht nur im Hochseilgarten oder im Zirkuszelt. Weil es um junge Menschen geht und ihre Zukunft. Wie heißt es doch im Leitsatz der kirchlichen Jugendarbeit: "Wir, die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der kirchlichen Jugendarbeit der Diözese Würzburg unterstützen junge Menschen bei ihrer Lebensgestaltung."

 

Hochseilgarten und Zirkuszelt sind nur Medium, nur Transportmittel von Erfahrungen. Wichtig sind die Menschen, die die Kinder und Jugendlichen begleiten, ihnen Anteil geben am eigenen Leben, an Erfahrungen und Kämpfen, an Enttäuschungen und Ermutigungen - personales Angebot nannte es die Synode. Damit weiß kein Jugendlicher mehr was anzufangen - aber die Teamer waren geil, so steht auf den Reflexionsbögen!